On Set Color Grading - Der einzige Weg zum starken Look?

Es ist kein Geheimnis, dass ich ein großer Fan von Werkzeugen bin. Manche nennen mich als Witz Tool Tony, da ich zu fast jedem Problem ein Teil habe, dass das es löst. Eins der Probleme, dass ich immer wieder hatte war, dass ich nie das gesehen habe, was später mal das Endprodukt war. Ich konnte zwar durch den Sucher schauen, aber da war nie mehr als ein Rec709 Bild. Der Mood vom fertigen Film war nicht vorhanden und so kommt es vor das man Entscheidungen am Set wählt, die eventuell nicht ideal für den fertigen Film sind. Sowohl in Regie, als auch Kamera. Für Endkunden ist das Bild ohne Look, sowieso unmöglich einzuschätzen, da ihnen das Wissen fehlt, was da noch alles passieren kann in der Post.

Also habe ich begonnen, mir LUTs auf den Monitor zu legen, aber die waren nie 100% zufriedenstellend. Lange Zeit war dies aber einfach das beste was ging, und mit genügend Vorbereitungszeit, konnte man auch für jede Situation eines Filmes LUTs vorbauen und dann auf die Kamera laden – vorausgesetzt die Kamera oder Monitor unterstützten LUTs. Wenn ich eine Vorschau sehen wollte, musste ich mich dennoch abends nach dem Dreh hinsetzen und ein wenig Graden um einen Eindruck zu bekommen. Das kostet aber Zeit und auch Rechenkapazität, die man manchmal nicht am Set hat.

Die Lösung für dieses Problem: On-Set-Coloring. Also die Farbkorrektur und Grading direkt am Set am Live-Bild. Dies war bis vor kurzem ein großer technischer und logistischer Aufwand. Man benötigte leistungsfähige Rechner mit 240V Stromzufuhr, teure LUT-Boxen oder I/O-Boxen mit Software, mind. zwei Bildfunkstrecken, Scopes, mehrere Monitore etc. Für Projekte ohne dediziertes DIT-Budget unrealistisch.

 Macbook Air (early 2015) mit Elements Panel. Auf dem Macbook läuft Pomfort Live Grade Pro. Verbunden per WLan mit der Varicam 35.

Macbook Air (early 2015) mit Elements Panel. Auf dem Macbook läuft Pomfort Live Grade Pro. Verbunden per WLan mit der Varicam 35.

Jetzt aber gibt es neue flexiblere Lösungen für alle Kameras. In meinem speziellen Fall, unterstützt die Varicam 35 das In-Camera Color Management via CDL oder LUT. D.h. man kann per externer Schnittstelle auf die Kamera zugreifen und dort Lift, Gamma, Gain, Sättigung und Kurven, sowie weitere LUTs drauf laden. Dazu nutzt man die Wifi Funktion der Kamera und verbindet sich mit dem Laptop auf dem MacOS mit Pomfort Livegrade Pro läuft. Jetzt hat man Zugriff auf alle Parameter. Wenn man eine Einstellung verändert, sieht man die neue Korrektur direkt auf dem Monitor. Eingebrannt wird dieser Look ins Material nicht, sie wird aber neben dem Clip als gleichnamige *.vlt (Panasonic LUT) abgespeichert. Wer beim Offload der Daten Silverstack benutzt, wird sich freuen, denn die LUTs werden direkt mitübernommen und man kann sich das Originalmaterial mit den Luts direkt in Silverstack anschauen. Wo es sich aber lohnt den Look einzubrennen, ist in den In-Camera Proxies. Die Panasonic Varicam 35, ermöglicht es in der Kamera 2K Proxies aufzunehmen und diese mit einer LUT zu versehen. Früher mussten die Dailies (tägliche Abzüge), per Festplatte in das Postproduktionsstudio geschickt werden, dort von Hand ausgewählt und bearbeitet und am nächsten Tag mit dem Kurier zurück ans Set geschickt werden. Heute geht das in der Kamera, während die Aufnahme läuft, ohne weiteres Zutun.

 Zusammen mit dem Regisseur lege ich den Look fest. V.l.n.r: Axel Rothe, Benedikt Sittko

Zusammen mit dem Regisseur lege ich den Look fest. V.l.n.r: Axel Rothe, Benedikt Sittko

Dadurch das die Kamera die Farbbearbeitung intern vornimmt, muss der Laptop an dem man Livegrade Pro nutzt, nicht sonderlich Leistungsfähig zu sein. Mein Macbook Air von 2015 funktioniert dafür einwandfrei, manche Kollegen nutzen Macbook Pros von 2013 ohne Probleme. Ein Unterschied, wenn man bedenkt, dass andere Lösungen mit LUT-Boxen oder Resolve Live, die Bearbeitung im Computer voraussetzen.

Für Kameras, die nicht die nicht aus der Varicam oder ARRI Alexa Serie stammen, z.B. Kameras von RED oder Sony, gibt es noch eine Lösung von Teradeck: Teradeck ColR ist eine LUT-Box, welche an die Kamera montiert wird. Das Bildsignal aus der Kamera wird durch den ColR geschleift und dort geht es dann an die Onboard Monitore oder Bildfunkstrecke. Das Grading funktioniert dann wie bei der Varicam per Laptop mit LiveGrade Pro.

 Panasonics Varicam 35 ist neben der ARRI Alexa, eine der wenigen Kameras die internes Farbmanagement unterstützen.

Panasonics Varicam 35 ist neben der ARRI Alexa, eine der wenigen Kameras die internes Farbmanagement unterstützen.

Nicht nur sind diese Lösungen deutlich kostengünstiger, sie sind auch instant. In Kombination mit der Varicam, kann ich kurz den Laptop öffnen, zwei drei Änderungen machen und schon sind drei Arbeitsschritte getan, die sonst tausende von Euros und unzählige Stunden gekostet hätten. Dailies und Live Previews müssen nicht Studioqualität haben, da sie auch nicht in Studiosituationen angeschaut werden können. Am besten ist es sogar, dass Dailies in der Situation gegradet, wie sie später angeschaut werden. Also bei Tageslicht draußen auf einem Laptop oder iPad – denn sonst sieht man auf dem iPad nichts, bzw. muss sich in einen dunklen Raum flüchten, da der Colorist alles für 100Nits mit Gamma 2.4 gegradet hat.

Für mich ist On-Set-Coloring ein neues Bindeglied für die Color-Management Pipeline im Film. Auch wenn man später selbst nicht graded oder als DOP vor Ort sein kann, kann man sich sicher sein, dass der Colorist, auf jeden Fall schon mal weiß, wo die Reise hingeht. Und das ist viel Wert für die Integrität einer starken Ästhetik.